Juli 03, 2017

Rezension | Claire Fuller | Eine englische Ehe

Eigentlich hatte sie andere Pläne. Ein selbstbestimmtes Leben, Reisen, vielleicht eine Karriere als Schriftstellerin. Doch als sich Ingrid in ihren Literaturprofessor Gil Coleman verliebt und von ihm schwanger wird, wirft sie für ihn all dies über Bord. Gil liebt seine junge Frau, und dennoch betrügt er sie, lässt sie viel zu oft mit den Kindern in dem kleinen Ort an der englischen Küste allein. In ihren schlaflosen Nächten beginnt sie, Gil heimlich Briefe zu schreiben. Statt ihm ihre innersten Gedanken anzuvertrauen, steckt sie ihre Briefe in die Bücher seiner Bibliothek und verschwindet schließlich auf rätselhafte Weise. Zwölf Jahre später glaubt Gil, seine Frau wieder gesehen zu haben - und ihre gemeinsame Tochter Flora, hin und her gerissen zwischen Hoffnung und Verzweiflung, beginnt nach Antworten zu suchen, ohne zu ahnen, dass sie nur die Bücher ihres Vaters aufschlagen müsste, um sie zu erhalten

Meine Meinung

Als mir „Eine englische Ehe“ das erste Mal ins Auge fiel, war schnell klar, dass ich es lesen wollte. Die Kurzbeschreibung deutet zwar vieles an, aber so recht klar, was mich wirklich erwarten würde, war mir nicht. Was ich am Ende bekommen habe, ist eine außergewöhnliche Geschichte, die mich zwar nicht von der ersten Seite an packte, am Ende dafür aber umso mehr. 

Die Geschichte von Ingrid und Gil wird abwechseln in der Gegenwart und der Vergangenheit erzählt. Die Kapitel wechseln sich jeweils ab. Ingrid ist mittlerweile seit zwölf Jahren auf mysteriöse Weise verschwunden und sowohl Gil, als auch die Kinder, Flora und Nan, gehen alle auf unterschiedliche Weise damit um. Die Vergangenheit wird in Form von Briefen erzählt, die Ingrid an Gil geschrieben hat und diese zwischen seinen vielen Büchern versteckt hat. So erfährt der Leser erst nach und nach, wie es alles zusammen gehört und warum Ingrid verschwand bzw. was sie dazu bewogen hatte. 

Ich muss gestehen, dass mich die Kapitel in der Gegenwart zunächst nicht wirklich packen konnten. Überwiegend stand Flora im Vordergrund, die Tochter, die am meisten mit dem Verschwinden ihrer Mutter zu kämpfen hat. Leider war sie eine Figur, die recht wirr und wild war. Und auch Gil konnte ich zunächst nicht wirklich einschätzen. Erst nach dem man die Briefe von Ingrid nach und nach gelesen hat, verstand man den Zusammenhang und das Bild wurde klarer. 

Ingrid ist kein leichter Charakter. Ihre Figur war mir zu Anfangs nicht unbedingt sympathisch, insbesondere als sie schwanger wurde. Ich konnte ihre Gedanken und Gefühle nicht nachvollziehen. Ihr Verhalten gegenüber ihrer Tochter hat mich stellenweise sogar erschreckt. Auch im weiteren Verlauf gab es immer mal wieder Passagen, die auf bei mir Unverständnis hervor gerufen haben. Und wenn ich einige Aspekte ihres Charakters wohl auch niemals würde nachvollziehen können, hat mich ihr Schicksal doch schwer berührt. 

Und das lag an dem Schreibstil von Claire Fuller. „Eine englische Ehe“ hat eher die leisen und eindringlichen Tönen. Man verliert sich sehr schnell zwischen den Seiten, einfach weil die Geschichte einen so gefangen nimmt. Hier wird nichts verschönert, eher im Gegenteil. Claire Fuller zeigt hier die Abgründe, die unschöne Wahrheit. Aber die Autorin hat es geschafft, dass ein paar Sätzen, manchmal sogar nur zwei Wörter mich so tief berührt und getroffen haben, dass ich schwer schlucken musste. 

Über das Ende lässt sich streiten. Wobei streiten das falsche Wort ist. Das Ende und insbesondere der Epilog werfen nochmals neue Fragen auf und lässt den Leser sehr nachdenklich zurück. „Eine englische Ehe“ ist kein einfaches Buch und aus genau diesem Grund fand ich es großartig. Es hat mich gefangen genommen, trotz des schleppenden Anfangs. Es hat mich nachdenklich gestimmt. Ich war nicht immer seiner Meinung und konnte viele Handlungsweisen nicht nachvollziehen. Und gleichzeitig hat mich das Buch sehr berührt. Eine überaus gelungene Mischung und es wird sicherlich nicht das letzte Buch von Claire Fuller sein, das ich lesen werde.

Fazit

„Eine englische Ehe“ von Claire Fuller ist kein einfaches Buch, aber aus genau diesem Grund fand ich es großartig. Es hat mich gefangen genommen, mich nachdenklich gestimmt und mich gleichzeitig sehr berührt. Eine überaus gelungene Mischung und es wird sicherlich nicht das letzte Buch von Claire Fuller für mich sein. Große Empfehlung meinerseits.

5/5 Punkte

Piper Verlag - engl. Original "Swimming Lessons" - Übersetzt von Susanne Höbel - HC (368 Seiten) - 22,00 EUR - Verlagsseite - Amazon*

Kommentare:

  1. Tolle Rezension. Das Buch klingt großartig und muss unbedingt auf meine Leseliste. Vielen Dank :)

    Viele Grüße und eine tolle neue Woche,
    Caro

    AntwortenLöschen
  2. Tolle Rezension!
    Ich höre es aktuell als Hörbuch (ich brauche immer recht lange) und kann dir da in allen Punkten zustimmen. Ingrids Verhalten hat mich teilweise auch echt schockiert, aber es wirkte authentisch.
    Eine ruhige Geschichte, die aber trotzdem nahe geht.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    AntwortenLöschen